Fehler, die ich zweimal gemacht habe
Vier Fehler aus fünf Jahren, die mir mehrfach passiert sind — und der Versuch zu verstehen, warum das Wissen darüber nicht gereicht hat, sie zu vermeiden.
999 Wörter · 5 Min. Lesezeit
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Es gibt Fehler, die man einmal macht und danach nie wieder. Und es gibt die anderen. Dieser Eintrag handelt von der zweiten Sorte, weil ich glaube, dass daran mehr zu lernen ist.
Fehler 1: Aus einer plausiblen Vermutung heraus handeln
Der Klassiker, und der Fehler, der mich insgesamt am meisten Zeit gekostet hat.
Beim Serverabsturz 2019 habe ich drei plausible Ursachen vermutet und an dreien vorbeigearbeitet, während die richtige Antwort in der Konsole stand. Bei einer Fehlersuche 2022 habe ich zwei Tage in einer Bibliothek gesucht, weil das Problem dort aufgetreten war — die Ursache lag in meiner eigenen Konfiguration.
Warum das Wissen nicht reicht: Eine plausible Vermutung fühlt sich nicht wie eine Vermutung an. Sie fühlt sich wie Verstehen an. Genau darin liegt die Falle — man merkt nicht, dass man rät, weil das Raten eine gute Geschichte erzählt.
Was inzwischen hilft: Vor jeder Änderung benennen, worauf sie sich stützt. Gemessen, nachgelesen oder vermutet? Wenn die Antwort „vermutet" lautet, ist der nächste Schritt eine Messung und keine Änderung. Das dauert dreißig Sekunden und hat mich mehrfach vor Stunden bewahrt.
Fehler 2: Etwas ändern, während es läuft
Die Minecraft-Welt 2019, im laufenden Betrieb kopiert. Eine Konfigurationsdatei, die beim Herunterfahren neu geschrieben wird und meine Änderung überschreibt. Ein Bauvorgang in dasselbe Verzeichnis, aus dem der laufende Dienst liest.
Dreimal dieselbe Struktur: Ein Prozess hält einen Zustand, und ich fasse ihn von außen an, ohne ihn zu fragen.
Warum das Wissen nicht reicht: Weil es meistens gutgeht. Neunmal von zehn ist das Kopieren einer laufenden Datei völlig unauffällig. Man lernt also die falsche Lektion, nämlich dass es geht.
Was inzwischen hilft: Eine Regel statt einer Einschätzung. Bevor ich etwas anfasse, das ein laufender Prozess benutzt, halte ich ihn an oder sage ihm, dass er die Finger stillhalten soll. Ohne Ausnahme, auch wenn es „diesmal bestimmt geht".
Fehler 3: Eine Sicherung anlegen und nie zurückspielen
Die leeren Archive 2019, drei Wochen lang. Ein Datenbank-Dump, den ich jahrelang hatte und nie geöffnet habe. Ein Sicherungsordner, der voll war und dessen Fehlermeldung ins Nichts lief.
Warum das Wissen nicht reicht: Weil das Zurückspielen aufwendig ist und nie dringend. Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem es sich aufdrängt — bis zu dem einen, an dem es zu spät ist.
Was inzwischen hilft: Die Prüfung ist Teil des Vorgangs, nicht ein separater Vorsatz. Das Sicherungsskript prüft selbst, ob die Datei plausibel groß ist. Und einmal im Quartal spiele ich eine Sicherung tatsächlich zurück — in eine Testumgebung, nicht ins Produktivsystem.
Fehler 4: Verallgemeinern, wofür es einen Anwendungsfall gibt
Das Regelsystem im Ticket-Bereich, das theoretisch alles kann und praktisch drei Dinge tut. Eine Abstraktionsschicht für Datenbankzugriffe, die ich gebaut habe, weil man vielleicht mal die Datenbank wechselt — und die den Wechsel dann kein bisschen erleichtert hat.
Warum das Wissen nicht reicht: Weil sich Verallgemeinerung beim Bauen klug anfühlt. Man denkt voraus, man baut für die Zukunft. Dass man dabei eine Zukunft erfindet, die nie eintritt, merkt man erst später.
Was inzwischen hilft: Die Regel von den drei Fällen. Beim ersten Mal schreibe ich es einfach hin. Beim zweiten Mal kopiere ich und ärgere mich. Erst beim dritten Mal baue ich eine gemeinsame Lösung — und dann kenne ich drei echte Anwendungsfälle statt einem echten und zwei erfundenen.
Was diese vier gemeinsam haben
Beim Aufschreiben ist mir etwas aufgefallen: Alle vier Fehler sind Fehler des Selbstvertrauens, nicht des Wissens.
Ich wusste in jedem einzelnen Fall, was richtig gewesen wäre. Ich habe es trotzdem anders gemacht, weil ich mir in dem Moment sicher war, dass es hier nicht nötig ist. Bei Fehler 1, weil die Vermutung so gut passte. Bei Fehler 2, weil es bisher immer gutging. Bei Fehler 3, weil die Sicherung ja lief. Bei Fehler 4, weil ich die Zukunft zu kennen glaubte.
Deshalb funktionieren bei mir Regeln besser als Vorsätze. Ein Vorsatz („ich achte darauf") verliert gegen ein Gefühl von Sicherheit. Eine Regel („ich fasse nichts an, was läuft") gilt auch dann, wenn ich mir sicher bin — und genau dann ist sie nötig.
Fehler 5: Etwas prüfen, das nicht das Ergebnis ist
Ein fünfter, der mir beim Aufschreiben eingefallen ist, weil er mich später noch mehrfach erwischt hat.
Ich prüfe, ob ein Befehl gelaufen ist — nicht, ob er gewirkt hat. Ob eine Datei existiert — nicht, ob sie den erwarteten Inhalt hat. Ob ein Dienst antwortet — nicht, ob er die neue Fassung ausliefert.
Der Unterschied klingt akademisch und ist der zwischen einer Prüfung und einer Beruhigung.
Warum das Wissen nicht reicht: Weil die einfache Prüfung fast immer verfügbar ist und die richtige oft einen Umweg braucht. „Der Dienst läuft" ist ein Blick. „Der Dienst liefert Fassung 3.4 aus" braucht eine Fassungsangabe, die jemand eingebaut haben muss.
Was inzwischen hilft: Für jede wichtige Sache eine beobachtbare Wirkung benennen, bevor ich sie prüfe. Bei einer Auslieferung ist das eine Fassungsangabe. Bei einer Sicherung die Größe im Vergleich zum Vortag. Bei einer Konfigurationsänderung der tatsächlich erreichte Zustand, nicht der Inhalt der Datei.
Was diese fünf Fehler über Erfahrung sagen
Beim Zusammenstellen dieser Liste ist mir etwas aufgefallen, das ich unangenehm finde und für wahr halte: Erfahrung schützt nicht vor diesen Fehlern. Sie verkürzt nur die Zeit bis zur Entdeckung.
Ich mache dieselben Sachen weiterhin. Der Unterschied ist, dass ich nach zwanzig Minuten merke „ich rate gerade" statt nach zwei Tagen. Dass ich beim dritten fehlgeschlagenen Versuch innehalte statt beim zehnten. Dass ich nach einer Änderung nachsehe, ob sie gewirkt hat.
Das ist weniger, als ich mir wünschen würde, und es ist der realistische Nutzen von Erfahrung. Wer glaubt, bestimmte Fehler hinter sich zu haben, macht sie mit größerer Wucht — weil er nicht mehr damit rechnet.
Der Nachtrag, den ich mir wünsche
Wenn ich diesen Eintrag in ein paar Jahren wieder lese, wird vermutlich ein fünfter Punkt dazugehören. Ich hoffe, dass es dann ein neuer ist und nicht einer von diesen vieren.
Für den Fall, dass doch: Die vier Regeln stehen bewusst hier, wo ich sie wiederfinde.