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Lockdown: ein Discord-Server, der plötzlich voll war

Aus sechs Freunden wurden achtzig Leute in wenigen Wochen. Was das technisch bedeutet hat — und was es vor allem sozial bedeutet hat.

BlackZackBlackzack

1018 Wörter · 5 Min. Lesezeit

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Im Frühjahr 2020 saßen plötzlich alle zu Hause. Unser kleiner Discord-Server, auf dem abends sechs Leute in einem Sprachkanal hingen, war innerhalb von ein paar Wochen ein anderer Ort. Erst kamen Freunde von Freunden, dann Leute aus dem Minecraft-Server, dann Bekannte aus anderen Communities. Aus sechs wurden dreißig, aus dreißig achtzig.

Das war schön. Es war auch anstrengend, und rückblickend habe ich in diesen Wochen mehr über Moderation gelernt als über Technik.

Was technisch passiert ist

Der Bot lief auf einmal in einer Umgebung, für die er nicht gebaut war.

Die Ereignisse wurden mehr. Vorher kamen ein paar Nachrichten pro Minute, jetzt waren es zeitweise mehrere pro Sekunde. Mein Bot bekam jede davon, prüfte jede auf Präfix und schrieb bei manchen Befehlen etwas in eine JSON-Datei. Das ging überraschend lange gut und dann plötzlich nicht mehr.

Die JSON-Datei wurde zum Nadelöhr. Mein XP-System schrieb bei jeder Nachricht die komplette Datei neu. Bei achtzig aktiven Leuten waren das hunderte Schreibvorgänge pro Minute für eine Datei, die inzwischen ein paar hundert Kilobyte groß war. Der Bot wurde träge, und zweimal ist die Datei beschädigt worden, weil zwei Schreibvorgänge sich überschnitten haben.

Rechte wurden ein Thema. Bei sechs Freunden ist jeder Admin. Bei achtzig Leuten ist das eine schlechte Idee — nicht wegen Böswilligkeit, sondern weil jemand aus Versehen einen Kanal löscht.

Die technischen Antworten darauf waren absehbar und kommen in eigenen Einträgen vor: eine richtige Datenbank statt Dateien, Rechteprüfung im Befehlssystem, ein Rollenkonzept. Interessanter finde ich rückblickend den anderen Teil.

Was sozial passiert ist

Regeln, die nie ausgesprochen wurden, hörten auf zu funktionieren. Unter Freunden braucht man keine Regel, dass man keine Beleidigungen schreibt. Bei achtzig Leuten, die sich teilweise nicht kennen, braucht man sie. Und zwar aufgeschrieben, weil sonst jede Entscheidung nach Willkür aussieht.

Ich war plötzlich eine Instanz. Leute kamen mit Streitigkeiten zu mir, weil ich der bin, dem der Server gehört. Ich war neunzehn und hatte keinerlei Vorstellung davon, wie man das macht. Meine erste Reaktion war, alles selbst regeln zu wollen. Das hat drei Wochen funktioniert und mich dann ziemlich fertiggemacht.

Moderation ist eine Aufgabe, kein Nebenprodukt. Ich habe irgendwann zwei Leuten Moderationsrechte gegeben, mit denen ich vorher geredet hatte, was ich mir vorstelle. Das war der Punkt, an dem der Server wieder Spaß gemacht hat.

Infobox

Die technisch beste Erkenntnis aus dieser Zeit hat mit Technik nichts zu tun: Werkzeuge lösen keine sozialen Probleme, sie machen sie nur sichtbarer. Ein Bot kann protokollieren, wer was gelöscht hat. Ob jemand zu Recht gelöscht hat, kann er nicht beantworten. Ich habe damals einige Features gebaut, die ein Gespräch hätten ersetzen sollen. Keins davon hat funktioniert.

Die Features, die aus dieser Zeit stammen

Drei Sachen, die ich in diesen Wochen gebaut habe, sind bis heute Teil des Bots — in ganz anderer Form, aber im Kern derselben Idee.

Ein Protokoll für Moderationshandlungen. Wer hat wen verwarnt, wann, mit welcher Begründung. Nicht als Überwachung, sondern damit man in einem Streitfall nachschauen kann, statt sich zu erinnern. Das hat mehr Diskussionen beendet als jede Regel.

Eine Verwarnung mit Verfall. Eine Verwarnung, die ewig bleibt, ist eine Strafe ohne Ende. Ich habe damals eingebaut, dass Verwarnungen nach einer bestimmten Zeit nicht mehr zählen. Das war eine Entscheidung über Menschen, die zufällig als Code endete.

Ein Willkommenskanal, der etwas erklärt. Klingt trivial. War die wirkungsvollste Änderung überhaupt. Vorher landeten Leute in einem Server mit zwölf Kanälen und wussten nicht, wo sie hinsollen. Danach gab es drei Sätze, was hier passiert und wo man anfängt.

Was ich über Wachstum gelernt habe

Ein Discord-Server mit sechs Leuten und einer mit achtzig sind nicht dasselbe in groß. Es sind verschiedene Dinge, und die Übergänge sind erstaunlich scharf.

Bis etwa zehn Leute funktioniert alles ohne Struktur. Jeder kennt jeden, Regeln sind implizit, Konflikte klären sich im Gespräch.

Ab etwa dreißig braucht es Kanäle mit klaren Themen, sonst geht jedes Gespräch im anderen unter. Und es braucht jemanden, der sich zuständig fühlt.

Ab etwa achtzig braucht es aufgeschriebene Regeln, mehrere Zuständige und einen Ort für Neuankömmlinge. Ab hier kennt nicht mehr jeder jeden, und Vertrauen entsteht nicht mehr von selbst.

Diese Schwellen habe ich nicht vorhergesehen. Ich habe sie überschritten und mich jedes Mal gewundert, warum plötzlich etwas nicht mehr funktionierte, das vorher selbstverständlich war.

Der Fehler, den ich am meisten bereue

Ich habe zu lange versucht, alles selbst zu machen.

Nicht aus Kontrollbedürfnis, sondern weil es sich falsch anfühlte, jemandem Arbeit zu geben, für die er nichts bekommt. Das Ergebnis war, dass ich abends nach der Arbeit Streitigkeiten geschlichtet habe, an denen ich nicht beteiligt war, und dass der Server für mich zunehmend nach Pflicht aussah statt nach Freizeit.

Die zwei Leute, denen ich schließlich Moderationsrechte gegeben habe, haben das nicht als Belastung empfunden, sondern als Vertrauensbeweis. Das war meine zweite Fehleinschätzung: Ich hatte angenommen, ich würde ihnen etwas aufhalsen.

Was ich daraus mitgenommen habe, gilt für Projekte genauso wie für Communities: Verantwortung abzugeben ist keine Belastung für den anderen, sondern meistens ein Angebot. Und wer sie nicht abgibt, hört irgendwann auf — nicht weil es zu viel Arbeit war, sondern weil es keinen Spaß mehr gemacht hat.

Was ich davon mitnehme

Diese Wochen waren der Punkt, an dem aus einem Bastelprojekt etwas wurde, das andere Leute benutzen. Und das ist ein Unterschied, den man nicht rückgängig machen kann.

Ab dem Moment, in dem Menschen auf etwas angewiesen sind, gelten andere Regeln. Ein Neustart ist nicht mehr „ich starte kurz neu", sondern unterbricht dreißig Leute mitten im Gespräch. Ein Fehler ist nicht mehr „ärgerlich", sondern kostet jemand anderem Zeit. Eine Funktion, die man wieder entfernt, nimmt Leuten etwas weg, an das sie sich gewöhnt haben.

Ich habe diese Haltung — dass hinter jedem laufenden System Menschen stehen, die gerade etwas tun — in diesem Frühjahr zum ersten Mal begriffen. Es ist sechs Jahre her, und ich halte sie immer noch für die wichtigste Regel, die ich beim Betreiben von Software habe. Auch heute prüfe ich vor jedem Neustart eines Servers zuerst, ob gerade jemand darauf ist. Nicht aus Ordnungsliebe, sondern weil ich weiß, wie sich die andere Seite anfühlt.