Vorsätze, die man messen kann
Fünf Jahre Rückblicke mit denselben offenen Punkten haben mir gezeigt, dass Vorsätze ohne Prüfpunkt wertlos sind. Wie ich mir dieses Jahr Ziele setze, die man am Jahresende beantworten kann.
1004 Wörter · 5 Min. Lesezeit
- planung
- persoenlich
- jahr
Wenn man fünf Jahresrückblicke hintereinander schreibt, fällt einem etwas auf: Bestimmte Punkte tauchen jedes Mal wieder auf. Bei mir war es „aufschreiben, was ich tue" — vier Jahre in Folge vorgenommen, erst im fünften teilweise umgesetzt.
Beim Nachdenken darüber, woran das lag, bin ich auf etwas gestoßen, das für alle diese Punkte gilt: Sie waren nicht überprüfbar. „Mehr dokumentieren" hat keinen Zustand, den man am 31. Dezember feststellen kann. Man kann immer sagen, man habe ein bisschen mehr gemacht — und damit ist der Vorsatz weder erfüllt noch gescheitert.
Was den Unterschied gemacht hat
Der Vorsatz von 2024 war anders formuliert, und er hat als einziger funktioniert. Nicht „mehr dokumentieren", sondern drei konkrete Festlegungen:
- ein fester Ort
- ein festes Format für Fehlernotizen
- ein Auslöser: schreiben, wenn ich mehr als eine Stunde für etwas gebraucht habe
Das Ergebnis ist überprüfbar: Es sind rund zwei Dutzend Notizen entstanden. Nicht perfekt organisiert, aber existent. Und weil der Vorsatz überprüfbar war, konnte ich im Rückblick auch benennen, was nicht geklappt hat — die Struktur.
Meine Ziele für dieses Jahr
Ich versuche es dieses Jahr durchgehend in dieser Form.
Ziel 1: Ein Sicherheitsdurchgang durch das gesamte System. Prüfpunkt: Es gibt ein Dokument, in dem jede gefundene Schwachstelle mit Einstufung, Fundort und Status steht. Am Jahresende ist jeder Punkt entweder behoben oder ausdrücklich als bewusst offen markiert, mit Begründung. Warum das messbar ist: Es gibt eine Liste. Entweder existiert sie oder nicht.
Ziel 2: Die Notizen bekommen Struktur. Prüfpunkt: Es gibt einen Einstiegspunkt, von dem aus jede Notiz in höchstens zwei Klicks erreichbar ist, und Notizen verweisen aufeinander. Warum messbar: Ich kann es ausprobieren.
Ziel 3: Meine Seite wird der Ort für Dinge, die ich nachschlage. Prüfpunkt: Es gibt einen Wiki-Bereich mit mindestens zwanzig echten Einträgen, die ich selbst benutze — nicht Beispieltexte. Warum messbar: Zählbar, und „selbst benutzt" merke ich daran, ob ich beim Suchen dort lande.
Ziel 4: Ein Ort, an dem ich sehe, was läuft. Prüfpunkt: Eine Übersicht, die alle Dienste zeigt, ihren Zustand, wann zuletzt gesichert wurde — auf einer Seite, ohne mich irgendwo einzuloggen. Warum messbar: Die Seite existiert und ist aktuell, oder nicht.
Was ich mir bewusst nicht vornehme
Keine Zahl von Blogeinträgen. Ich habe überlegt, mir „ein Eintrag pro Monat" zu setzen. Dagegen spricht: Schreiben, weil ein Zähler es verlangt, erzeugt schlechte Texte. Was ich stattdessen mache: Wenn etwas passiert, das erklärenswert ist, schreibe ich darüber. Der Auslöser ist ein Ereignis, keine Frist.
Keine Nutzerzahlen. Ich habe keinen Einfluss darauf, und ein Ziel, dessen Erreichen nicht in meiner Hand liegt, ist keine Planung, sondern eine Hoffnung.
Keine „Aufräumen"-Ziele ohne Gegenstand. „Technische Schulden abbauen" ist der Klassiker der unmessbaren Vorsätze. Wenn ich etwas aufräumen will, muss ich sagen, was.
Tipp
Der Test, den ich für jeden Vorsatz benutze: Kann ich am 31. Dezember ohne Diskussion feststellen, ob er erfüllt ist? Wenn ich mir ausdenken müsste, ob „genug" passiert ist, ist der Vorsatz falsch formuliert — nicht zu ehrgeizig oder zu lasch, sondern schlicht nicht beantwortbar.
Wie ich die Ziele über das Jahr verfolge
Ein Prüfpunkt nützt nichts, wenn man ihn erst am 31. Dezember anschaut. Deshalb gibt es bei mir zwei Zwischenstände.
Einmal im Quartal ein Blick auf die vier Ziele, mit genau einer Frage pro Ziel: Ist der Prüfpunkt heute erfüllt, teilweise erfüllt oder unberührt? Drei Antworten, keine Diskussion.
Einmal im Halbjahr die Frage, ob das Ziel noch gilt. Das ist der Teil, den ich lange gescheut habe. Ein Ziel zu streichen fühlt sich nach Aufgeben an. Tatsächlich ist es meistens eine Korrektur: Die Lage hat sich geändert, und ein Ziel aus dem Januar kann im Juli schlicht nicht mehr das Wichtigste sein.
Was ich dabei gelernt habe: Ein gestrichenes Ziel mit Begründung ist ein besseres Ergebnis als ein mitgeschlepptes ohne Fortschritt. Ersteres ist eine Entscheidung, letzteres eine Ausrede mit Verfallsdatum.
Der Unterschied zwischen Zielen und Vorhaben
Beim Formulieren ist mir eine Unterscheidung wichtig geworden, die vorher verschwommen war.
Ein Vorhaben ist etwas, das ich tun will: „das Wiki bauen". Es hat einen Anfang, ein Ende und einen Zustand dazwischen.
Ein Ziel ist ein Zustand, der danach gelten soll: „Ich schlage in meinem eigenen Wiki nach, statt eine Suchmaschine zu benutzen."
Der Unterschied zeigt sich, wenn das Vorhaben fertig ist und das Ziel trotzdem nicht erreicht. Ein Wiki, das existiert und das ich nicht benutze, ist ein abgeschlossenes Vorhaben und ein verfehltes Ziel.
Seitdem formuliere ich Ziele als Verhalten, nicht als Ergebnis. Das ist unbequemer, weil man sich schlechter selbst belügen kann — und genau das ist der Zweck.
Was ich mit nicht erreichten Zielen mache
Ein Ziel, das am Jahresende nicht erfüllt ist, hat drei mögliche Fortsetzungen — und die Wahl dazwischen ist wichtiger als das Ergebnis selbst.
Übernehmen. Wenn der Grund Zeitmangel war und das Ziel weiterhin richtig ist. Zulässig, aber höchstens einmal.
Streichen. Wenn sich die Lage geändert hat. Das ist kein Scheitern, sondern eine Korrektur — und es gehört mit Begründung notiert, damit man in zwei Jahren nachvollziehen kann, warum.
Umformulieren. Der häufigste und beste Fall. Wenn ein Ziel dreimal nicht erreicht wurde, war meistens die Formulierung das Problem und nicht die Absicht.
Ein Ziel, das ich zum dritten Mal übernehme, streiche ich inzwischen. Nicht weil es unwichtig wäre, sondern weil ich mir dann selbst beweisen habe, dass ich es in dieser Form nicht angehe — und ein Vorsatz, den man nachweislich nicht umsetzt, kostet nur Aufmerksamkeit.
Der Teil, über den ich mich selbst belüge
Es gibt einen Punkt, der seit zwei Jahren offen ist und den ich dieses Jahr bewusst nicht auf die Liste setze: der Zahlungsteil von Premium.
Der ehrliche Grund ist nicht Zeitmangel. Es ist, dass mir der Schritt unangenehm ist. Sobald Geld fließt, ändert sich das Verhältnis zu den Leuten, die das benutzen. Es gibt Erwartungen, Verpflichtungen, Rückerstattungen, Steuerfragen.
Statt ihn wieder als Vorsatz aufzuschreiben und wieder nicht zu machen, schreibe ich das hier hin. Ein offener Punkt, den man als solchen benennt, ist ehrlicher als ein Vorsatz, den man zum dritten Mal wiederholt.